10 November 2016

ZFF 2016: Outnow.ch interview

Another Zurich Film Festival (ZFF) interview in promotion of Swiss Army Man. He received a swiss army knife from outnow.ch's journalist. The first, but not the only one (see also this interview).


Wäre er ein Wetterphänomen, Meteorologen würden ihn wohl als Wirbelwind bezeichnen. Daniel Radcliffe spurtet durch den Gang des Zürcher Hotels, wo er zum Interview lädt. Er begrüsst die wartenden Journalisten im Vorbeigehen, begrüsst sie abermals beim Zurückkommen. Jede Frage beantwortet er mit grosser Lust. Er fährt sich durch die Haare, untermalt seine Statements mit ausladenden Gesten und seine eisblauen Augen versprühen eine warme Herzlichkeit. 

Als «zweite Karriere» bezeichnet er seine Zeit nach Harry Potter. Dazu zählen Filme wie Imperium, Now you see me 2 oder Swiss Army Man, der am Zurich Film Festival Schweizer Premiere feierte.

In Swiss Army Man hast du viele Szenen ohne Dummy gedreht. Welche Szene stellte die grösste Herausforderung dar?
Wohl diejenige zu Beginn des Films, als wir im Wasser sind. Alle meinen, es sei ein Dummy. Aber Paul Dano ritt tatsächlich auf mir. Unter mir lag ein Floss und ich streckte die Arme aus, die mit Kabel befestigt wurden. Ich versuchte meinen Rücken so stark wie möglich zu krümmen. Die Kamera wurde so positioniert, dass man davon nichts sieht. Dann setzte sich Paul auf mich und sie zogen uns durchs Wasser.

Diese zwei Personen verlieben sich ineinander...
... ja, völlig!

Siehst du darin eine Botschaft, wie: Jede Liebe ist Liebe?
Ja, ich denke, das trifft es. Es ist nicht spezifisch homosexuelle oder heterosexuelle Liebe, es ist einfach... Liebe. Und ihm wird Liebe beigebracht. Es ist etwas Wunderbares dieses Filmes, dass sich zwei heterosexuelle Männer - gut, ich bin tot, aber ich liebe Sarah - küssen, romantisch küssen!

Unter Wasser.
(Lacht.) Ja, unter Wasser. Aber in der Party-Szene küssen sie sich fast und dann kommt dieser grossartige Moment, in dem Paul zu ertrinken droht und er mir noch die Erfahrung eines Kusses geben will, bevor wir beide sterben. Dann aber realisiert er plötzlich, dass er mich als Sauerstofftank gebrauchen kann. Es ist einfach brillant.

Wenn du eine Rolle wie diese annimmst, wie stark schwingt die Absicht mit, sich vom Harry-Potter-Image zu lösen?
Überhaupt nicht. Ich will nicht, dass mich die Leute als Harry Potter vergessen. Versteh mich, ich hätte all die Angebote nicht erhalten, hätte ich Harry Potter nicht gemacht. Ich bin diesen Filmen sehr dankbar. Vielleicht bekomme ich mehr Anerkennung für die vielen verschiedenen Rollen, die ich spiele, als ich verdiene. Praktisch jeder Schauspieler spielt viele verschiedene Rollen, aber weil man mich über so lange Zeit diese eine Rolle hat spielen sehen, fällt es einem mehr auf. Ich will Potter nicht zerstören, sondern einfach meine Karriere vorantreiben. Ich bin zufrieden damit, wie alles läuft und ich kann mit grosser Begeisterung zurückschauen.

Wie sieht deine Traumrolle aus?
(Zögert.) Das ist wirklich schwierig zu sagen. Ich sprach neulich mit Woody Harrelson über die Zusammenarbeit mit Martin McDonagh (In Bruges), weil ich einst in einem Theaterstück von ihm mitspielte und Woody schon einige Male mit ihm zusammengearbeitet hatte. Und es ist mir sozusagen egal, welche Rolle es wäre, wenn es nur eine Rolle in einem Martin-McDonagh-Film ist. Ich denke, er ist einer der besten zeitgenössischen Drehbuchautoren und wird nun sehr schnell auch zu einem der besten Regisseure avancieren.

Radcliffes Rede sprudelt wie ein Wasserfall. Die Karaffe, die man ihm zur Seite gestellt hat, bleibt unangetastet. Er spricht gerne, viel und in einem irrsinnigen Tempo. Die Begeisterung und die Freude an seiner Arbeit ist mit jedem Wort spürbar. Er hat aufgehört, Alkohol zu trinken. Strikt. Einen bestimmten Anlass dazu habe es nicht gegeben, mehr eine «Ansammlung von schrecklichen Ansammlungen», wie er zu berichten weiss. Filmkollege Harrelson hat ihn am Abend zuvor eingeladen, gemeinsam Zürich unsicher zu machen. Radcliffe lehnte ab, da er am nächsten Morgen Verpflichtungen gegenüber der Presse hatte. Harrelson soll darauf gesagt haben: «Junge, du beginnst am Tag nach deiner Premiere nie vor zwei Uhr mittags zu arbeiten!» - «Ein Ratschlag, den ich versuche zu beherzigen», fügt Radcliffe schmunzelnd an.

In Swiss Army Man sagst du einmal: "Mein Körper ist ekelhaft!" Der Film stellt eine Art Wiederentdeckungsreise zum eigenen Körper dar. Hast du auch etwas Neues an dir entdeckt?
Wenn man mal analysiert, was in unserem Körper so geschieht: Mensch, wir sind ekelerregend! Das Innere eines Menschen ist widerlich! Aber das ist das Grossartige am Film, dass er dich dazu nötigt, deine Beziehung zu deinem physischen Selbst oder deiner eigenen Art, alleine zu sein - was auch immer es sein mag! -, neu zu überprüfen. Gleichzeitig gibt er dir aber auch die Erlaubnis, diese Sachen zu fühlen und zu sein. Der Punkt des Films ist, dass Scham uns von der Liebe fernhält. Völlig egal ob Furzen, Erektion, Masturbation, oder wenn man sich alleine fühlt, oder sich wie ein Durchgeknallter vorkommt: Das sind alles durch und durch universelle und menschliche Gefühle, von denen uns beigebracht wird, sich darüber zu schämen. Es ist ein ekelerregender Film mit einer schönen Botschaft über Liebe und Akzeptanz.

Am Sundance Film Festival gab es Zuschauer, die nach einer Viertelstunde den Saal verliessen. Dabei ist jede Szene eine Überraschung und man wird fürs Warten belohnt. Man kann am Anfang des Films noch gar nicht sagen, worum es überhaupt geht - auch ein komisches Gefühl.
Das ist völlig richtig. Der Film steckt so voller Überraschungen, dass man nach den ersten 15 Minuten überhaupt noch nicht abwägen kann, wo die Reise hingeht.

«Merkwürdig» beschreibt den Film wohl am besten?
Er ist auch einfach «schön». Ich neige dazu, den Film als «hochgradig dumm und hochgradig clever» zu beschreiben. Er ist so «alles», voller Widersprüche, die ihn zusammenhalten. Das ist das Wunder dieses Films.

Was würdest du von einer Fortsetzung von Swiss Army Man halten?
Das wäre absolut toll. Zu keinem anderen Charakter, den ich verkörpert habe - mit Ausnahme von Harry - würde ich lieber zurückgehen und ihn nochmals spielen als Manny. Wenn die beiden Daniels (die Regisseure Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die Red.) in einigen Jahren Swiss Army Man II drehen wollen mit einem alten, verfalleneren Manny, wäre ich auf jeden Fall äusserst interessiert.

Als Radcliffe zum Ende des Interviews von einem Journalisten ein Swiss Army Knife geschenkt bekommt, bricht er in kindliche Freude aus. Endlich, endlich, habe er sein erstes Sackmesser. Eifrig prüft er die verschiedenen Features, zückt schliesslich die Klinge: "Das gefällt mir am besten." Danach kokettiert er noch mit dem Zapfenzieher. Irgendwie hochgradig dumm und hochgradig clever.

source: outnow.ch
picture source: Michel Benedetti

2 comments:

Marion ? Do you have one in English?

no I haven't translated it.